Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben einige Möglichkeiten zusammengestellt, dass sich ein Hochwasser in dieser extremen Form nicht wiederholt oder dass zumindest die Folgen für Mensch und Infrastruktur minimiert werden, sollten ähnliche Regenereignisse auftreten.

Vorab kurz zu uns: Karin Hole, M.A., 10 Jahre im Raum Trier, dort Studium der Physischen Geografie und der Kulturgeografie, mit der Eifel und dem Ahrtal sehr verbunden.
Frank Hole: Wohnsitz von 1969 bis 1998 anfangs im Ahrtal (Bad Neuenahr / Sinzig) bzw. später im Raum Trier, dort Diplomstudiengang der Physischen Geografie, ist bis heute der ganzen Region Eifel stark verbunden und bis heute mehrfach im Jahr dort. War zufällig zum Zeitpunkt des großen Regens im Juli im Nationalpark Eifel und hat dort alles hautnah mitbekommen.

Aus unserer Sicht gibt es nicht einen einzigen, einfach umzusetzenden Vorschlag, sondern nur ein ganzes Bündel von umfassenden und miteinander vernetzten Maßnahmen, das Erfolg versprechen könnte. Es geht insgesamt immer um
1. Oberflächlichen Wasserabfluss verlangsamen oder verhindern
2. Zwischen-Speichern oder Aufsaugen des Wassers durch bauliche oder bevorzugt natürliche Maßnahmen
3. Schadensbegrenzung
4. Positive Wechselwirkungen mit anderen Herausforderungen (Synergien schaffen zu deren Lösung)

Im Einzelnen sind das:
– Aufstauen der großen Zuflüsse, sobald diese einen gewissen Pegel überschreiten, oder alternativ Anlegen von dauerhaften Staubecken, die auch touristisch zu nutzen sind wie in der Nordeifel
– deutlich großzügigere Überschwemmungsbereiche anlegen, gern auch extensiv landwirtschaftlich / für Sport / Naherholung / Naturschutz genutzt
– Verbreiteter Bau von Zisternen / unterirdischen Speicherräumen mit Bewässerungsmöglichkeiten für Gärten und landwirtschaftliche Nutzflächen (verpflichtend bei Neubauten und gefördert im Rahmen von Nachrüstungen)
– Hochwasserschutz von Siedlungsteilen, die im erweiterten Risikogebiet liegen, durch z.B. robusteres und höheres Bauen, Bewohnen nur oberer Etagen, im Einzelfall Dämme anlegen, Brücken ohne Pfeiler bauen oder hochklappbar / Hängebrücken, Ölheizungen, Tankstellen und Gastanks sowie Chemikalienlagerung (z.B. landwirtschaftliche Spritz- oder Düngemittel) in Risikogebieten verbieten oder nur unter deutlichen Auflagen
– Umsiedeln besonders gefährdeter Bereiche / Häuser im Einzelfall
– Kein weiteres Ausweisen von Baugebieten in den Niederungen bzw. neue Häuser in Risikogebieten werden nur noch als schwimmende Häuser / Floating Homes wie in den Niederlanden konzipiert. Hier gibt es zwar noch Entwicklungsarbeit zu leisten, weil es an der Ahr immer auch um höhere Fließgeschwindigkeiten mit treibenden Bäumen geht, aber als Grundidee wäre das vermutlich geeignet weiterzudenken
– großzügiges Aufforsten von Weinbergsbrachen und nicht bewirtschafteten Ackerflächen auf den umliegenden Höhen im Einzugsgebiet
– Extensivierung / Umwandeln von intensiv genutzten, verdichteten Ackerflächen im Einzugsgebiet in Wald oder zumindest mit Brache alle paar Jahre
– Bewirtschaftungsrichtung der Weinberge ändern (waagerecht statt senkrecht)
– in den Weinbergen mehr Unterwuchs zulassen und nicht alles unterpflügen oder mit Unkrautvernichter beseitigen
– Abflussrinnen in Weinbergen mit kleinen Rückhaltebereichen ausstatten, die ab einer gewissen Abflussmenge sich aufstauen und erst später dann überlaufen (Verzögerungseffekt)
– Versiegelungen aufheben: großflächige Teer- oder Betonflächen z.B. von Großparkplätzen, Zuwegungen zu Häusern, Abstellflächen für Autos auf dem eigenen Grundstück ersetzen durch Rasen mit Gehwegen oder Ökopflasterflächen und andere geeignete bauliche Maßnahmen
– Wiederaufbau von Straßen oder Umwandlung bestehender Straßen und (landwirtschaftlicher) Wegen mit durchlässigen Belägen (Vorbild: Country Lanes in Vancouver)
– Alle Dächer und Wände in den Siedlungen werden begrünt (Bauauflage bei Neubauten und Förderung der Umwandlung von Bestandsdächern)
– verstärkt naturnahe Gartengestaltung statt Versiegelung, Steingärten oder verdichtete Rasenflächen

Die Maßnahmen haben teilweise gleichzeitig den Effekt, dass sie ursächlich auch einer Klimaerwärmung entgegenwirken, die Folgen davon abmildern und das Stadtklima verbessern, ferner die Artenvielfalt erhöhen und die Region attraktiver machen. Des Weiteren werden Wasserspeicher angelegt, um den sommerlichen Trockenphasen entgegenzuwirken, die mit immer deutlicheren Folgen auftreten.

Das Ganze müsste in eine Vision eingebettet sein wie „Modellregion Zukunftsfähigkeit Landkreis Ahrweiler“ oder ähnlich. Tourismus würde künftig nicht nur die Standbeine schöne Landschaft mit Weinbau und pittoresken Siedlungen und Kurbetrieb haben, sondern die Gäste kommen, weil dort erfolgreich zu sehen ist, wie man künftig an vielen Stellen in Deutschland leben wird, die ja alle grundsätzlich vor den gleichen Problemen stehen.

Denkbar und vorteilhaft wäre es, die Landesgartenschau nicht nur stattfinden zu lassen, sondern auf das gesamte Ahrtal auszudehnen und 2 Jahre später als geplant stattfinden zu lassen. Dann wären die Konzepte umsetzungsreif, ein Konsens gefunden und auch ein attraktives Zwischenziel gegeben, bei dem schon die ersten Ansätze einer Realisierung sichtbar werden. Diese Gartenschau könnte eine große Chance sein, um die Region „wiederzubeleben“.

Selbstverständlich sind dies überwiegend langfristige Maßnahmen, für die es jedoch einen übergreifenden Konsens braucht und in Folge eine entsprechende Gesetzgebung, finanzielle Unterstützung und kompetente Beratung der betroffenen Bevölkerung und der Administration. Für alle diese Ideen gibt es weltweit irgendwo funktionierende Praxisbeispiele, die man sich ansehen kann. Teuer sind sie auch – doch allemal „billiger“ als der derzeitige Wiederaufbau und die Todesopfer, und: Was genau wäre die Alternative?