Aufräumen und Instandsetzen des Ahrtals

Das idyllische Ahrtal ist durch die Flutkatastrophe im Juli schwer getroffen worden.
Aber auch die größte Verwüstung kann wieder beseitigt werden und jeder Lebensraum wieder Lebensqualität gewinnen.
Ja, das ist möglich.
Und bereits seit mehr als zwei Monaten sind unzählige Menschen, Anwohner wie Helfer damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass es wieder schön wird.

Was war das Ahrtal und wie soll es wieder sein?

Das Ahrtal war, ist und wird wieder eine Weinbauregion sein, die ganzjährig attraktiv für Touristen und Tagesgäste ist, die Erholung durch Wandern, Radfahren, Geselligkeit, Ausflüge suchen, auch Weiterbildungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen mit angenehmen Übernachtungsmöglichkeiten und guter Gastronomie.
Die Region bietet gleichzeitig Erholung und Unterhaltung für Kurgäste und einen guten Lebensraum und eine zukunftsweisende Lebensgrundlage sowie Einkommen für die Einwohner.

Dazu gilt es eine Balance zwischen Weinbau, Lebens- und Kulturraumqualität und touristischen Anforderungen und Hochwasserschutz zu finden.

Es gilt zu akzeptieren, dass es auch bei den bestmöglichen Hochwasserschutzmaßnahmen es weiterhin zu Überschwemmungen kommen kann.

Mit anderen Worten: Mensch und Fluss werden das Ahrtal weiterhin gemeinsam nutzen.
Und die erforderlichen Maßnahmen werden nur in ihrer Gesamtheit Wirkung zeigen und damit ist vor allem die Politik aufgefordert dafür zu sorgen, dass die notwendigen Maßnahmen gemeinde- landkreis- und länderübergreifend stattfinden.
Und das gilt auch für die entsprechenden Entschädigungen, die auch dann gezahlt werden sollten, wenn beispielsweise notwendige Rückhaltebecken außerhalb des Ahrtals gebaut werden.
Bürokratische Hindernisse werden teilweise abgebaut werden müssen.

Das Ahrtal wird sicherlich wie neu und es besteht beste Aussicht, dass es wieder idyllisch wird, aber es wird nicht wie das alte Ahrtal werden können, die gewohnte Umgebung wird sich teilweise ändern müssen.
Und doch sollte angestrebt werden, möglichst viel vom Guten und Gewohnten zu erneuern und wieder aufzubauen.

Der folgende Text ist als umfassende systematische Übersicht und als veränderliche Diskussionsgrundlage zu betrachten.

Grundlage der Infrastruktur

Der Vollständigkeit halber möchte ich am Anfang beginnen, obwohl mit Sicherheit schon vieles bedacht, in Gang gesetzt und getan wurde.
Nach den Rettungsarbeiten für Mensch und Tier war neben den Reinigungs- und Aufräumarbeiten die Sicherstellung von Trinkwasser, Kommunikationsmöglichkeiten, Elektrizität, und eine geeignete Abwasserwirtschaft notwendig.
Zunächst hat das durch Improvisorien wie Trinkwasseraufbereitungsanlagen, mobile Verteilerkästen und Funkmasten und Brauchwassersammelbehälter wie auch mobile Duschen und Klohäuschen stattgefunden.
Dann ging es an die Instandsetzung der Infrastruktur.
Hierbei sollte bereits in die Zukunft gedacht werden, denn es geht darum, dass die künftige Infrastruktur möglichst hochwasserfest gestaltet wird.

Und, wie auch immer der künftige Verkehr im Ahrtal gestaltet werden soll, eine Straße für Anwohner und Lieferverkehr wird weiterhin notwendig sein.

All das, Trinkwasser, Kommunikation, Elektrizität, Abwasser und Straße sollten durch ein wie auch immer geartetes Hochwasser möglichst nicht mehr angegriffen werden können und hierfür muss wahrscheinlich das meiste Geld aufgewendet werden.

Es könnte von Vorteil sein, wenn sich in jedem Ort an der Ahr Menschen bereiterklären, eine Thematik nach besten Kräften voranzubringen.
Mit Behörden zu telefonieren, Informationen einzuholen, Bestandsaufnahmen machen, Fachleute zusammen bringen, nach dem Prinzip Lernen durch Machen, denn es werden nicht überall Fachkräfte zur Verfügung stehen.
Also: ein Bewohner oder Helfer ist für das Thema Elektrizität zuständig, einer für das Thema Trinkwasser, wieder ein anderer für Abwasser oder Straße, und weitere Themen sind ja auch noch vorhanden.
Diese Themenaufteilung untereinander würde eine große Entlastung für alle bedeuten.

Treibgutverminderung: sonstige Infrastruktur und Bebauung

Die Zerstörungskraft des Wassers wurde durch das mitgeführte Treibgut deutlich vergrößert.
Es wäre gut, es künftig nicht mehr so weit kommen zu lassen.
Das bedeutet, dass die weitere Infrastruktur und Bebauung und Bestückung des Ahrtals so gestaltet sein muss, dass eine mögliche Überschwemmung keinen großen Schaden mehr anrichtet und nach einem Hochwasserereignis gut ‚aufgeräumt‘ und das Gelände schnell wieder genutzt werden kann.
Das heißt: im Tal wird möglichst wenig wegschwemmbares Material aufgestellt und beispielsweise
Parkplätze, Schuppen, Holz und Lagerräume und produzierende Betriebe werden konsequent nach oben verlagert.
Im Ahrtal sollte keine Heizöl mehr gelagert werden dürfen, auch sonstige Chemikalien müssen ausnahmslos und konsequent auf dem Berg gelagert werden.
Dafür müssen möglicherweise neue Fläche durch die Gemeinden ausgewiesen werden.
Denn durch die große Menge an teils umweltschädlichem Treibgut wurde zusätzlich sehr viel Schaden angerichtet.
Als Ausgleich für die für diese Nutzung gesperrten Flächen im Tal können in der Höhe Baumaßnahmen wie der Bau von Übernachtungsmöglichkeiten, Gastronomie und Lagerräumen stattfinden. Hierzu muss durch die Gemeinden, vielleicht auch durch die Nachbargemeinden, so gut es geht, ersatzweise Bauland neu ausgewiesen werden.

Verlangsamung der Ahr und der Ahrzuflüsse

Regenwasser sollte zukünftig langsamer in das Ahrtal gelangen.
Das beginnt mit einer bodenschonende Bewirtschaftungsweise durch leichtere landwirtschaftliche Maschinen, denn dadurch wird die Bodenverdichtung vermindert und Regenwasser kann besser einsickern.
Versiegelte Flächen sollten, wo es möglich ist, wieder entsiegelt werden um die Regenwasserversickerung zu verbessern.
Eine verbesserte Versickerung bedeutet einen verminderten Oberflächenwasserabfluss.
Der Abfluss des Oberflächenwasser wird durch geeignete Vegetation wie Gras, Moose, krautige Pflanzen, Büsche, Hecken und Bäume verlangsamt.
Auf Bewirtschaftungsflächen sollte, wo immer möglich, hangparallel gearbeitet werden und Unterwuchs so oft wie möglich belassen werden.
Wenn das Oberflächenwasser in die Zuflüsse der Ahr gelangt, kann dort der Abfluss durch Rückhaltebecken verlangsamt und zurückgehalten werden.

Bei all diesen Maßnahmen muss berücksichtigt werden, dass die Gemeinden oberhalb des Ahrtals mit einbezogen werden müssen.
Auch diese müssen dafür Entschädigungen bekommen.
Es sollten mehrere Rückhaltebecken pro Ahrzufluss in Betracht gezogen werden.
Über Zisternen sollte nachgedacht werden.
Das Wasser daraus kann in Dürreperioden der Landwirtschaft zugute kommen.
Insgesamt liegt die Regulierung des Wasserabflusses im Interesse aller, wie auch die beschriebenen bodenschonenden Maßnahmen, die nicht nur das Oberflächenwasser verringern, sondern auch die Bodenfruchtbarkeit länger erhalten.
Entschädigungen für Ertragsminderungen aufgrund schonender Bewirtschaftungsweisen sollten in Betracht gezogen werden.

Auch sollte über Rückhaltebecken an der Ahr selbst nachgedacht werden.
Denn die Ahr transportiert bei Hochwasser nicht nur sämtliches Treibgut wie Holz, Tanks, Mülltonnen, Autos, Campingwagen, Hütten und entwurzelte Bäume, sondern auch Schiefergestein.
Daher ist eine Verlangsamung der Ahr, zeitweilig durch bewegliche Wehre oder dauerhaft an geeigneten Stellen zu empfehlen.

Bebauung und Rückbau

Durch das Hochwasser wurden eine Menge Häuser im Ahrtal schwer beschädigt und teilweise oder ganz abgetragen.
An einigen Stellen wird ein Wiederaufbau nicht empfehlenswert sein.
Mittlerweile sind Gebiete im Ahrtal ausgewiesen worden, die nicht wieder bebaut werden dürfen.
An vielen Stellen wird im Einzelfall entschieden werden müssen.

Wohnen und Bauen im Hochrisikobereich kann nur unter folgenden Voraussetzungen funktionieren:
Es geschieht auf eigene Gefahr und es wird so gebaut, dass ein Hochwasser durch das Gebäude ‚durchrauscht‘ ohne Gebäudeteile mitzunehmen, die im Tal weiter unten größeren Schaden anrichten können.
Es sollten also Häuser sein, die einem Hochwasser gut standhalten können.
Die zweite Voraussetzung ist ein sehr gut funktionierendes Alarmsystem, mit dem sich alle Bewohner auskennen.
Nach allen Erfahrungen mit dem letzten Hochwasser sollte darauf verwiesen werden, dass ein solcher Wohnsitz nichts für die ältere Generation ist, auch nichts für Menschen, die sich nicht selbst helfen können.
Auch hier sind die Gemeinden aufgerufen, nach Möglichkeit neues Bauland auszuweisen.

Hochwasseralarm

Wie bereits geschrieben, werden Mensch und Fluss sich das Ahrtal weiterhin teilen.
Der Pegel bei Altenahr lag beim letzten Hochwasser bei 7 Metern.
Das bedeutet, dass bei vergleichbarer Regenmenge und mit allen bisher beschriebenen Maßnahmen das Hochwasser mit Sicherheit deutlich reduziert werden wird, aber es wird nicht völlig verhindert werden können.
Daher muss das Alarmsystem deutlich verbessert werden.
Für eine effektives Warnsystem wären Hochwasserzuständige zu benennen, deren Aufgabe es ist, EFAS, das Europäische Hochwasserfrühwarnsystem zu beobachten und notfalls über Bildschirme, die öffentlich in den Orten an der Ahr fest installiert werden, Sirenen und Lautsprecher die Bewohner des Ahrtals frühzeitig zu warnen und Maßnahmen in Gang zu setzen.
Eine zusätzliche Warnung über Mobiltelefone könnte in Betracht gezogen werden, ist aber keinesfalls alleinig ausreichend, da nicht alle Menschen darüber erreicht werden können.
Evakuierungspläne sind auszuarbeiten und zweimal im Jahr eine Übung ein Muss.
Denn es müssen alle rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden können, auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder mit nicht ausreichenden sprachlichen Kenntnissen oder unzureichender Einbindung in die Gemeinden, wie kurzzeitige Besucher oder Durchreisende.
Auch bewegliches Gut sollte rechtzeitig gesichert und aus der Hochwasserzone entfernt werden können.

Verbesserung der Attraktivität der Touristenregion Ahrtal

Eine Verkehrsstruktur ist notwendig, die den Erholungswert der Region deutlich verbessert.
Dafür könnte eine Seilbahn statt einer Eisenbahn errichtet werden.
Das ginge sehr viel schneller als der Wiederaufbau der Eisenbahnstrecke mit allen Dämmen Brücken und Tunneln.
Denkbar wäre auch eine herkömmliche Bahnverbindung bis Bad Neuenahr und ab Bad Neuenahr die Seilbahn oder weitere Kombinationen mit Park and Ridemöglichkeiten .
Es würde sehr viel Platz und Geld gespart werden und eine deutliche Lärmverminderung wäre es zusätzlich.
Möglicherweise könnte die Straße damit teilweise überbaut werden.
Gleichzeitig stellt sie auch mit Sicherheit für den Tourismus eine Attraktion dar.
Die Erschließung des einen oder anderen höher gelegenen Ausflugsziels per Seilbahn wäre für viele ältere Menschen attraktiv.

Hinzu kommt noch die Rekonstruktion und der Ausbau der Rad- und Wanderwege eventuell mit Aufständerungen und mit entsprechendem Service wie Aufladestationen und Einkehrmöglichkeiten.
Ein gut befahrbarer, durchgehender Radweg bis zur Mündung der Ahr wäre eine weitere Attraktion.
Dafür könnten vielleicht Dammkronen und auch Teile der alten Bahntrasse genutzt werden.

Denkbar ist auch die Zufahrt mit PKW ins Ahrtal nur für Anlieger und eventuell nur mit Elektromobilen. Ein Beispiel wäre Zermatt, dort kommen die Menschen ohne Autoverkehr aus und trotzdem oder gerade deswegen sind zahlungskräftige Gäste zu Besuch.
Das Ahrtal mit einem Verkehrskonzept der Zukunft könnte nicht nur wegen der Stau- und Lärmverminderung eine Attraktion für Besucher und Besucherinnen sein.

Wer das Ahrtal kennt, weiß, welche Verkehrsbelastung dort am Wochenende aufkommen kann und welch ein Lärm.
Und die grundsätzliche Frage ist, kommen mit der Lärmverminderung mehr Touristen ins Tal oder weniger und sind das die Touristen, die im Ahrtal reichlich Geld ausgeben und sind es auch die, die die Ahrtalbewohner dort haben wollen?
Das entscheiden am besten die Ahrtalbewohner selbst.
Vielleicht sollte im Zuge des Ausbaus auch über transparente Lärmschutzwände nachgedacht werden.

Interessant wäre das Ahrtal auch durch den konsequenten Ausbau und Nutzung der erneuerbaren Energien, wie beispielsweise Wind- und Solarenergie und der Produktion und Nutzung von Wasserstoff und weitere Erneuerungen wie Blockkraftwerke, Windgasanlagen und Brauchwassernutzung.
Dazu auch :

Klimaschutz

Aufladestationen für verschiedene Elektromobile sollten im Ahrtal ausreichend vorhanden sein, vielleicht in der Nähe von Einkehrmöglichkeiten?

Zum Verweilen würde auch eine breit angelegte teilweise eingedämmte Flussaue einladen, die als Naherholungsgebiet, zum Wandern und Radfahren, für Kulturveranstaltungen, für Spielplätze, Skaterparcours und Parkanlagen genutzt werden kann, mit mobiler Gastronomie als Einkehrmöglichkeit, für Weinfeste und Weiteres.
Die Bepflanzung sollte größtenteils aus Weiden und kleineren Bäume aller Art bestehen, die bei Hochwasser nicht zu gefährlichen Treibgut werden.
Mit Schmetterlingswiesen, Liegewiesen, Bade- und Spielstellen im Fluss, Rabatten mit bienen- und hummelfreundlicher Bepflanzung, Spielfeldern und fest installierten, hochwasserfesten Sitzmöglichkeiten kann das Ahrtal zusätzlich gestaltet werden.
Insgesamt sollten alle Anlagen bei Hochwasseralarm leicht geräumt und nach einem Hochwasser ohne größeren Aufwand wieder instand gesetzt werden können.

Eine Möglichkeit wäre es hierfür im Ahrtal in einigen Jahren die Landesgartenschau stattfinden zu lassen und die dafür vorgesehenen Gelder dort zu investieren.

Alte Bausubstanz

Wenn konsequent auf Treibgutverminderung geachtet wird, spricht nichts gegen den Wiederaufbau der historischen Brücken und Gebäude.

Da Treibgut wahrscheinlich nicht vollständig vermieden werden kann, sollten die restaurierten Brücken und eventuell auch die Gebäude mit massiven Pollern ausgestattet werden

Um die Ahrtalidylle möglichst zu erhalten, sollten landestypische Baumerkmale wie beispielsweise Schiefermauern und Fachwerk dort, wo es gut aussieht, erhalten und erneuert werden.
Eine Herausforderung für Architekten wäre die Kombination von den regionaltypischen Merkmalen mit einer hochwassergerechten Bauweise und einer Ausstattung mit Erneuerungen wie Begrünungen und Zisternen.
Der Bau von Dämmen, Mauern mit Fluttoren und Pollern und der gegebenenfalls zusätzliche Einsatz von mobilen Spundwänden sollte je nach Ort in Betracht gezogen werden.
Dazu:
https://www.hochwasserschutz.de/de/katastrophenschutz/mobiler-hochwasserschutz/mobile-hochwasserschutzwaende-hochwasserbarrieren/

Camping

Das Ahrtal ist ein beliebtes Campinggebiet.
Bezogen auf die Treibgutproblematik lässt sich sagen, dass alles, was rechtzeitig weggeschafft werden kann, weiterhin im Tal aufgestellt werden kann.
Denn so ist das Hochwasserkonzept gedacht.
Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass die Besitzer dazu vor Ort sein müssen oder die Campingplatzbewirtschafter entsprechend beauftragt sind und die Möglichkeiten dazu haben.
Es sollte auch daran gedacht werden, wenn mehrere hundert Campingwagen weggeschafft werden müssen, dass es womöglich nicht schnell genug geht.
Dazu sollten Hochwasserkonzepte entwickelt werden, die eine notwendige Evakuierung sicherstellen.