Ich habe in diesem Portal zum Thema Hochwasserschutz viele interessante Beiträge mit guten Ideen gelesen. Bevor wir uns aber mit vielen kleinen Einzelmaßnahmen beschäftigen, müssen wir doch erst einmal zwei Dinge klar haben:
a) Was ist genau passiert? Wo kamen die Wassermassen her?
b) Was wollen wir in der Zukunft? Mit solchen Flutereignissen leben und die Schäden gering halten (was nur bedingt funktionieren dürfte) oder wollen wir solche Fluten verhindern/aufhalten?
zu a)
Wenn man sich die diversen Videos zur Entstehung der Flut ansieht, dann wird deutlich, dass sich die Flut im Bereich der oberen Ahr aufgebaut hat. Das ist nicht verwunderlich, denn rund 50 % des Wassereinzugsgebietes der Ahr liegen alleine im Bereich zwischen Blankenheim und Müsch (einschließlich Trierbach). Hier reden wir von ca. 450 qkm. Weitere 40 % des Wassereinzugsgebietes liegen zwischen Müsch und Kreuzberg (einschließlich Vischelbach). Dieser Bereich umfasst ca. 350 qkm. Alle Zuflüsse ab Altenahr sind vom Hochwasseraspekt eher weniger bedeutsam, weil sie in der Summe mit ca. 90 qkm Einzugsgebiet nur etwa 10 % ausmachen. Eine Ausnahme bildet vielleicht der Leimersdorfer Bach mit ca. 27 qkm. Die Niederschläge in Sinzig, Neuenahr, Ahrweiler, Walporzheim, Dernau, Rech, Mayschoss und Altenahr dürften auf die Flut keine nennenswerten Auswirkungen mehr gehabt haben, zumal es hier im Laufe des späteren Abends vom 14. Juli aufgehört hatte zu regnen.

Wenn wir die vom DWD genannten Regenmengen in Höhe von 100 Liter je qm in 24 h als Grundlage nehmen, dann sind im gesamten Wassereinzugsgebiet der Ahr ca. 90 Millionen Kubikmeter Regen gefallen. 80 Millionen davon im Bereich zwischen Blankenheim und Kreuzberg.

Beim Hochwasser 2016 wurde am Pegel Altenahr ein Wasserabfluss von 236 cbm/s gemessen. Der Pegelstand betrug 369 cm. Der Pegelstand in 2021 vermutlich mehr als 700 cm, war also doppelt so hoch. Betrug die Wasserabflussmenge bezogen auf 24 h in 2016 etwas 20.000.000 cbm, so lässt sich daraus ableiten, dass es in 2021 mehr als 40.000.000 cbm oder gewesen sein müssen. Das entspricht ca. 50 % der tatsächlichen Niederschlagsmenge zwischen Blankenheim und Kreuzberg. Die Böden haben also nur noch etwa die Hälfte des Niederschlags aufnehmen können.

zu b)
Wenn wir zukünftig mit solchen Fluten leben lernen und Schäden reduzieren wollen, müssten wir konsequenter Weise die komplette Bausubstanz etwa 300 Meter links und rechts von der Ahr entfernen. Denn das wäre die benötigte Überschwemmungsfläche, wie uns die Ahr jetzt vorgeführt hat. Dann bleibt aber von unserem Ahrtal nicht mehr sehr viel übrig. Mit ein paar zusätzlich Wiesen hier und ein paar Polder dort lassen sich solche Wassermassen jedenfalls nicht aufhalten. Wollen wir zukünftig sicher in, mit und von unserem Tal leben, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als das Wasser aufzuhalten, also zu stauen oder abzuleiten (hier verweise ich auf den Beitrag in diesem Portal, in dem eine Tunnelröhre von Altenburg durch das Ahrgebirge bis an den Rhein vorgeschlagen wird). Allerdings würde diese Abflussröhre Orten wie Schuld, Insul oder Dümpelfeld auch nichts nutzen.

Daher sollten wir uns noch einmal mit den rund 100 Jahre alten Plänen zur Errichtung eines Staudamms beschäftigen und diese auf die heutigen Kenntnisse anpassen. Würde man auf der Höhe von Müsch einen Damm bauen, dann hätte man quasi 50 % des Wassereinzugsgebietes der Ahr gesichert. Unterstellt man eine Grundauslastung von ca. 20.000.000 cbm Wasser, dann müsste das Fassungsvermögen insgesamt bei ca. 45.000.000 cbm liegen, um bei Extremregenereignis wie im Juli 2021 genügend Rückhaltepotential zu haben.

Neben dem Hochwasserschutz könnten sich aus einem solchen Bauwerk weitere Vorteile ergeben:
a) Nutzung als (Trink)Wasserspeicher
b) Nutzung zur Erzeugung grüner Energie durch den Einbau von Turbinen
c) touristische Nutzung

Im weiteren Flusslauf der Ahr bis nach Kreuzberg müssten die Nebenflüsse und Bäche mit den größten Wassereinzugsgebieten mit Wasserrückhaltebecken außerhalb von bebauten Gebieten versehen werden. Dies betrifft den Armuthsbach (60,5 qkm), den Adenauerbach (58,4 qkm), den Liersbach (28,9 qkm), den Kesselinger Bach (95,0 qkm), den Sahrbach (46,0 qkm) sowie ggfs. noch den Dreisbach (16,3 qkm) und den Vischelbach (18,6 qkm). Diese Rückhaltebecken müssten in der Summe über ein Fassungsvermögen von ca. 18.000.000 cbm verfügen. Die Flutung dieser Becken würde nur bei Extremregenereignissen erfolgen, so dass die Flächen in normalen Zeiten ihre bisherige Nutzung beibehalten können.

Ab Altenahr wären dann keine weiteren Maßnahmen mehr erforderlich, allerdings sollte man dort, wo die Ahr ihr Flussbett verändert hat, diesen Zustand akzeptieren.