Nach dem Hochwasser im Juli 2021 im Ahrtal wird deutlich, dass es mit einem bloßen Wiederaufbau nicht getan ist. Zu groß ist die Unsicherheit, wie einem weiteren Hochwasser vergleichbarer Art zu begegnen wäre – und dass dieses irgendwann kommen wird, zeigt ein Blick in die Geschichte der Hochwässer an der Ahr. So waren die Hochwässer vom 21. Juli 1804 und 12. – 13. Juni 1910 vergleichbar extrem (https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_der_Hochwasserereignisse_an_der_Ahr&oldid=216056825). Auch der Klimawandel sorgt dafür, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass derartige Extremereignisse häufiger eintreten werden.
Nun ist ohne Zweifel zunächst erforderlich, das Ahrtal wieder begehbar und bewohnbar zu machen, sodass ein Leben und Wirtschaften wieder möglich ist. Darauf zielen die meisten der derzeitigen Anstrengungen ab und dies ist wichtig für alle Beteiligten und Betroffenen.
Dennoch gilt es jetzt, die Weichen zu stellen, um den Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte zu begegnen. Denn auf Dauer ist ein einfaches „Weiter so“ oder „zurück zu dem wie es früher war“ nicht möglich.
Wie könnten eine derartige Weichstellung aussehen? Welche Herausforderungen gibt es, und was wäre zu tun?

#I Zielbild 2030
Modellregion Zukunftsfähigkeit Ahrtal / Landkreis Ahrweiler
Das Ahrtal ist einschließlich des gesamten Landkreises Ahrweiler ein vielfältiger Lebensraum mit hoher Lebensqualität für seine Bewohnerinnen und Bewohner, Arbeitskräfte und Gäste. Der Landkreis Ahrweiler dient als Modellregion und ist deutschlandweit der erste Landkreis, der vollständig klimaneutral wirtschaftet und den Herausforderungen der Zukunft in Hinblick auf Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Wirtschaftsweise, Integration und Glück gewachsen ist.

#II Herausforderungen
Die folgenden Bereiche sind diejenigen, bei denen besonderer Handlungsbedarf in Bezug auf die Zukunftsfähigkeit besteht.
a) Hochwasser
b) Wassermangel und Dürreperioden
c) Verkehr
d) Energieerzeugung
e) Siedlungen
f) Tourismus
Andere Bereiche, wie z.B. Bildung, Arbeitsmarkt, ärztliche Versorgung, Industrie oder Abfallwirtschaft werden hier nicht betrachtet.

#III Strategische Ansätze
Die strategischen Ansätze beeinflussen sich gegenseitig und sind bei der Umsetzung detailliert aufeinander abzustimmen, um letztlich ein Optimum hinsichtlich Ziele, der Finanzierung, dem Rückhalt in Politik und Bevölkerung zu erreichen. Im Folgenden werden Anregungen gegeben, diese sind im weiteren Prozess mit detaillierten Maßnahmen zu hinterlegen und sie sind selbstverständlich offen für weitere Ideen und Verbesserungen.
a) Hochwasser
Ein gutes Leben und Wirtschaften im Ahrtal / im Kreis Ahrweiler ist nur möglich, wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, dass der Wasserabfluss einerseits nicht mehr so extrem ausfällt, andererseits dürfen Hochwässer künftig nur noch geringe oder keine Schadwirkung mehr entfalten. Folgende Möglichkeiten bieten sich dafür an:
• Bau beweglicher Wehre an der Ahr und an Zuflüssen, ggf. mit Energiegewinnung
• Überschwemmungsbereiche vergrößern, diese werden extensiv landwirtschaftlich / für Sport / Naherholung / Naturschutz genutzt
• Verpflichtender Bau von Regenwasserzisternen bei Neubauten, fakultative Nachrüstung von Bestandsbauten
• Dammbau zum Schutz von zusammenhängenden Siedlungsbereichen
• Aufforsten von Weinbergsbrachen und nicht bewirtschafteten Ackerflächen
• Abfluss hemmenden Unterwuchs in den steilen Weinbergslagen ermöglichen und fördern
• Große, bodenverdichtete Ackerflächen in den Einzugsbereichen umwandeln in Grünland oder aufforsten
• Hangparallele Bewirtschaftungsweise wo möglich
• Versiegelte Flächen (Straßen, Einfahrten, Parkplätze, Plätze) entsiegeln (Ökopflasterflächen, Country Lanes)
• Dächer begrünen, bei Neubauten verpflichtend, ansonsten Nachrüstung fördern
• naturnahe Gartengestaltung
• Brücken werden nur noch pfeilerlos oder als Hänge- oder Klappbrücken konzipiert, um Aufstauungen bei Hochwasser zu vermeiden
b) Wassermangel und Dürreperioden
Durch den Klimawandel nehmen die Wetterextremereignisse mit großer Wahrscheinlichkeit zu, das bedeutet für den Landkreis Ahrweiler mehr Starkregenereignisse, aber auch mehr Hitze- und Dürrephasen, wie es die trockenen und heißen Jahre 2018 bis 2020 gezeigt haben. Durch zentrale wie auch dezentrale Anwendung geeigneter Speichertechniken, Aufforstung und Begrünung ist es möglich, beiden Extremen die Spitzen zu nehmen und die negativen Effekte zumindest teilweise auszugleichen (vgl. auch einige Maßnahmen des vorherigen Abschnitts). Ergänzt werden sollte dies um Maßnahmen des sparsamen Wasserverbrauchs, sowohl im privaten Bereich als auch im gewerblichen (Brauchwassernutzung, Regenwassernutzung, wassersparende Duschen etc.). Hier gibt es bereits umfangreiche Erfahrungen und technische Lösungen.
c) Verkehr
Beim Verkehr geht es darum, das romantische Ahrtal so zu erschließen, dass weiterhin viele oder auch noch mehr Menschen dieses besuchen können, gleichzeitig sollte dies umweltfreundlich, stressarm und mit geringem Ressourcenverbrauch geschehen.
Das Ahrtal braucht gerade auch im Verkehrsbereich zukunftsweisende Lösungen. So ist die Staubildung im Ahrtal an etlichen Wochenenden ein deutliches Zeichen, dass der Verkehr nicht zum Wohlbefinden der Anwohner, aber auch nicht der Autofahrer beiträgt. Flächenverbrauch durch Parkplätze, Lärm, Stress, ständige Aufmerksamkeit beim Autoverkehr sind einige Folgen, der angestrebte Erholungseffekt geht verloren oder stellt sich erst gar nicht ein. Größere oder mehr Straßen zu bauen mag im unteren Ahrtal noch eine Lösung gewesen sein, doch im mittleren Ahrtal ist dies keine Option. Radfahrer und Fußgänger haben gerade im mittleren Ahrtal keine angenehme und sichere Möglichkeiten sich zu bewegen, trotz etlicher positiver Maßnahmen der letzten Jahre. Der Bedarf ist jedoch deutlich größer. Einige Ideen, wie der Verkehr im Ahrtal aussehen könnte, finden sich hier: https://aw-zukunftskonferenz.de/Vorschlag/zukunftsweisendes-verkehrskonzept-ahrtal/
Denkbar ist – ergänzend oder alternativ zu diesen Ideen – auch, den mittleren Bereich des Ahrtals mit einer Seilbahn zu erschließen: dieser Aufbau wäre vielleicht schneller zu bewerkstelligen, als die gesamte Ahrtalbahn hochwassersicher wieder aufzubauen.
d) Energieerzeugung
Der Landkreis Ahrweiler hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden in Bezug auf die Energieerzeugung (https://aw-stark.de/unsere-staerken/klimaschutz/). Der Wiederaufbau des Ahrtals sollte genau dieses Ziel berücksichtigen, und es braucht deswegen u.a. auch die entsprechenden Förderauflagen.
e) Siedlungen
Ein Teil der bisherigen Siedlungsfläche ist nach dem Hochwasser entweder nicht mehr als Siedlungsfläche geeignet, oder nur unter bestimmten Auflagen. Hier sind die entsprechenden Schritte bereits in die Wege geleitet worden (https://sgdnord.rlp.de/de/wasser-abfall-boden/wasserwirtschaft/hochwasserschutz/uesg/laufende-verfahren/uesg-ahr/). Es wird unumgänglich sein, neue Siedlungsbereiche auszuweisen. Hier sollten verpflichtend Bauweisen vorgesehen werden, die ressourcenschonend wirken, wie z.B. Passivhäuser, Regenwassernutzung, Begrünung, kurze Wege, gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr etc.
Da der Platz knapp ist: Siedlungen können aber auch ggf. in Hochwassergebieten angelegt werden – hier braucht es dann Pfahlbauten, schwimmende Häuser oder sehr robust ausgelegte Häuser, in denen die unteren Stockwerke zeitweilige Nässe vertragen können.
f) Tourismus
Ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor im Landkreis und speziell im Ahrtal ist der Tourismus. Hier sollte eine Ausrichtung erfolgen, dass dieser nachhaltig und erholsam für alle Beteiligten (Anwohner, Gäste) erfolgen kann. Dazu zählen u.a.:
• An- und Abreise mit dem ÖPNV / Bahn problemlos ermöglichen (vgl. Verkehrskonzept)
• Ganzjahrestourismus fördern
• Schwerpunkt auf längeren Aufenthaltszeiten legen
• Rad- und Fußgängerverkehr sehr deutlich fördern: breite Rad- und Fußwege im Tal, attraktive Rad-Stellplätze verbreitet aufbauen
• Flächendeckend Ladestationen für Elektrofahrräder
• Autoverkehr durch Mautsystem und Parkraumbewirtschaftung und deutliche Ausweisung von Zone 30 einschränken
• Ahrtal wird Vorreiter der Elektromobilität in Bezug auf den Autoverkehr – Verbrenner haben (außer Anwohner oder Wasserstofffahrzeuge) keinen Zugang mehr ins Ahrtal
• Zahlreiche Badestellen an der Ahr anlegen
• Kein Dauercamping mehr, stattdessen Wohnmobile – eine schnelle Räumung im Hochwasserfall muss möglich sein
• Zahlreiche Sitz- und Liegemöglichkeiten an der Ahr einrichten
• Seilbahn durch das mittlere Ahrtal als neue Hauptattraktion, integriert in den Verkehrsverbund
• Ausweisung weiterer Naturschutzgebiete
• Das Ahrtal wird gesamthaft als Biosphärenreservat ausgewiesen.