Die verkehrliche Infrastruktur im Ahrtal ist teils völlig zerstört. Der Wiederaufbau dürfte sich sowohl bei der Straße, noch mehr aber bei der Bahn, selbst wenn man nur den bisherigen Zustand wieder herstellen wollte, über Jahre hinziehen und enorme Summen in sicher dreistelliger Millionenhöhe kosten.
Wenn man die bisherigen Verkehrswege auch hochwassersicher konstruieren will, wird sich das Ganze verlängern und nochmals signifikant verteuern.

Es könnte von Vorteil sein, sich vorab das Zielkonzept zu überlegen: Geht es darum, das Bisherige wieder herzustellen, oder sollte ein zukunftsweisendes Konzept erarbeitet werden, das einerseits die bisherigen Schwächen beseitigt, andererseits dem Klimaschutz Rechnung trägt und die Kapazitätenfrage beantwortet?

Aus meiner Sicht waren vor dem Hochwasser folgende Schwächen der Verkehrserschließung im Ahrtal vorhanden:
1) Die Straße erschließt zwar alle Orte hervorragend, jedoch verhindert der ausufernde Autoverkehr eine echte Erholungswirkung insbesondere in den Orten zwischen Walporzheim und Altenahr, auch Bad Neuenahr ist ebenso wie Ahrweiler trotz zahlreicher Bemühungen immer noch stark autolastig. Besonders an den Wochenenden ist der Autoverkehr so stark (eine einzige Autoschlange und teils mit längeren Staus), dass das Überqueren der überörtlichen Durchgangsstraßen nicht gerade einfach ist, geschweige denn dass die Aufenthaltsqualität auf den Terrassen der Gastronomiebetriebe oder auf den Gehwegen besonders hoch wäre. Da geht noch mehr, und vor allem: besser.
2) Die Bahn ist romantisch eingebunden in das gesamte Bild, spielt jedoch verkehrlich kaum eine Rolle. Auch wenn in den letzten Jahren eine Verbesserung der Bahn-Erschließung stattgefunden hat durch neue Fahrzeuge, Verlängerung nach Ahrbrück, Durchbindung nach Bonn, Taktverdichtung, Attraktivierung der Bahnhöfe: von einem leistungsfähigen System kann nicht die Rede sein. Die Bahn spielt ein Nischendasein hinsichtlich ihrer verkehrlichen Wirkung und kann den Autoverkehr nicht ansatzweise ersetzen.
3) Rad und Fußgängerverkehr sind in weiten Bereichen an den Rand gedrängt, trotz deutlicher Bemühungen in den letzten Jahren, für diese beiden Gruppen bessere Möglichkeiten zu schaffen. Und das, obwohl die Voraussetzungen eigentlich positiv wären (geringe Höhenunterschiede im Tal, attraktive Landschaft mit Fluss, potenziell hohe Nachfrage, umweltschonend).

Aus meiner Sicht gibt es zwei grundsätzliche Szenarien für die Zukunft:
1) Ein „weiter so wie bisher“ mit verbessertem Hochwasserschutz und punktuellen Verbesserungen bei der Bahn
2) Ein zukunftsweisendes Verkehrskonzept mit verbessertem Hochwasserschutz und sehr deutlichen Verbesserungen bei der Bahn und spürbaren, positiven Auswirkungen auf Umwelt / Klimaschutz und Tourismus

Zu 1: Ein „weiter so wie bisher“ mit verbessertem Hochwasserschutz und punktuellen Verbesserungen bei der Bahn
Ein Wiederaufbau der Straßen und der Bahn wird auf jeden Fall sehr kostspielig, wenn der Hochwasserschutz berücksichtigt wird. An vielen Stellen werden Kunstbauten (Stützmauern, Brücken in anderer Bauweise, Aufständerung, Dämme) nötig sein. Die Planungen sollten dann so angelegt sein, dass die Fußgänger und Radfahrer deutlich mehr zu ihrem Recht kommen (breitere Wege, bessere Querungsmöglichkeiten der Hauptstraße). Des Weiteren sollte beim Wiederaufbau der Bahn dafür Sorge getragen werden, dass etliche zusätzliche Bahnhöfe / Haltepunkte gebaut werden, um die Erschließungswirkung der Bahn signifikant zu verbessern. Gerade Städte wie Bad Neuenahr und Ahrweiler vertragen problemlos noch weitere Zugangsmöglichkeiten zur Bahn (z.B. Am Silberberg, Ringener Str., Nordstr.), auch aber auch Dörfer / Gemeinden / Städte wie Heppingen oder Lohrsdorf, Dernau Nord oder Sinzig Nord und Remagen Alter Fuhrweg wären mögliche weitere Standorte, wo die Bahn derzeit einfach vorbeifährt, aber Nachfrage besteht.

Zu 2) Ein zukunftsweisendes Verkehrskonzept mit verbessertem Hochwasserschutz und sehr deutlichen Verbesserungen bei der Bahn und positiven Auswirkungen auf Umwelt / Klimaschutz und Tourismus
Da eh extrem viel Geld investiert werden muss, kann man die Infrastruktur mit einem neuen Verlehrskonzept neu aufbauen. Das ist natürlich deutlich schwieriger, gerade auch was die Finanzierung und die Konsensbildung und die Planung betrifft, kann aber für das Ahrtal eine riesige Chance bedeuten.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist eine Verlagerung des Verkehrs zu spürbaren Teilen auf die Bahn / Bus / Rad / zu Fuß.
#a) Neues Rückgrat des Verkehrs wäre eine teils neu trassierte, straßenbahnähnliche Zweisystembahn (EBO und BOStraB, Karlsruher Modell), die – wo sinnvoll und hochwasserbedingt nötig – auf (oder / und aufgeständert über) den Durchgangstraßen verläuft. Diese wäre überwiegend zweigleisig anzulegen oder zumindest mit Kreuzungsmöglichkeiten an mehreren Bahnhöfen, um die betrieblichen Spielräume zu erweitern und die notwendigen Kapazitäten zu ermöglichen. Diese Bahn würde zumindest zur Hauptverkehrszeit ab Remagen ins Ahrtal alle 15 Minuten verkehren, und es bestehen Durchbindungen wie heute nach Bonn.
#b) Die Bahn könnte Bad Neuenahr-Ahrweiler um Größenordnungen besser erschließen, würde sie auf der Hauptstraße / Sebastianstraße / Wilhelmstraße geführt. Heute liegt die Bahn in Randlage und vergibt dadurch ihr Potenzial weitgehend.
#c) Von Mayschoß bis Reimerzhofen würde die Bahn ebenfalls auf der Straße (B 267) verlaufen. Dadurch muss der vollständig zerstörte Bereich der Bahntrasse im Bereich der Ahrschleife Auf Eschenberg (an der Lochmühle / Laach, siehe Foto) nicht wieder aufgebaut werden. Ein hochwassersicherer Wiederaufbau wäre an diesem Prallhang nur extrem aufwändig zu erreichen. Stattdessen könnte Laach / die Lochmühle einen eigenen Bahnhof / Haltepunkt bekommen.
#d) Auch zahlreiche andere Orte im Ahrtal würden künftig Bahnanschluss haben, da eine derartige Bahn eher wie eine Straßenbahn verkehrt und entsprechend oft und kurz halten kann.
#e) Es wäre nachzudenken, ob die neue Bahn dann nicht auch direkt weiter nach Adenau geführt würde. Dieses Mittelzentrum mit 3000 Einwohnern verfügt seit 1985 über keine Bahnanbindung mehr – heutzutage jedoch gibt es wesentlich bessere Möglichkeiten, eine damals unrentable Strecke zu betreiben. Auch dafür gibt es zahlreiche erfolgreiche Beispiele in Deutschland.
#f) Eine solche Bahn könnte zwischen Bonn und Adenau mit Oberleitung / Batterie oder Oberleitung / Wasserstoff betrieben werden. Für die erste Version gibt es bereits zahlreiche Beispiele deutschlandweit, die zweite Version hingegen bedarf noch Entwicklungsarbeit.
#g) Die Bundesstraße im Mittleren Ahrtal könnte an Wochenenden für Autos einspurig geführt werden (wechselnder Einrichtungsbetrieb zu bestimmten Uhrzeiten). Dadurch würde der Verkehr auf der Schiene attraktiver, die Ortsdurchfahrten entlastet. Auf der frei werdenden Spur haben dann Radfahrer und Fußgänger das Vorrecht. Dadurch wird die Aufenthaltsqualität entscheidend verbessert und das Ahrtal deutlich attraktiver für den Tourismus
#h) Ideal wäre ein noch weitergehendes Gesamtkonzept für die Bahn über den Raum der Ahr hinaus. Denn im Gegensatz zu früher ist die Ahrtalbahn derzeit eine Stichstrecke, ohne echte Netzwirkung. Es wäre konsequenterweise darüber nachzudenken, ob eine neue Anbindung an die Eifelstrecke (über Nürburgring, Kelberg, Daun, Gerolstein), bzw. nach Norden hin nach Bad Münstereifel und Meckenheim sinnvoll wäre. Da umfangreiche Pendlerbeziehungen aus dem Ahrtal Richtung Bonn / Köln / Ruhrgebiet bestehen, und auch ein großer Teil der Touristen von kommt, könnten dies perfekte kurze Wege sein, anstatt den Umweg über Remagen zu nehmen. Dadurch würde eine Erschließung der Eifel auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich besser, die ja auf der Schiene vor Jahrzehnten bereits bestanden hatte. Nur gibt es heutzutage viel bessere technische Möglichkeiten. Es gibt keinen Grund, weshalb die Erschließung der Eifel ausschließlich über die Autobahnen erfolgen sollte, die in den letzten Jahrzehnten gebaut wurden.

Einige der Überlegungen mögen sich unrealistisch anhören. Ohne Zweifel sind auch gesetzgeberische Hürden zu überwinden, neben den Hürden der Konsensfindung und Detailplanung. Doch vor dem Hintergrund, dass eh alles neu durchdacht werden muss, und der Wiederaufbau extrem aufwändig ist, kann man ihn auch so gestalten, dass er zukünftigen Anforderungen Rechnung trägt.

Beispiele für alles hier Genannte gibt es bereits deutschland- und weltweit, es ist also kein Science Fiction.

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